Zur Autokephalie der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche (UOK). Wie nah ist die Anerkennung wirklich?

 

Der Präsident der Ukraine, Petro Poroschenko, hatte selbst als mögliches Datum zur Bekanntgabe des kirchlichen Unabhängigkeitserlasses (Tomos) den 28. Juli genannt: „Wir beten zu Gott, dass Er uns bis zu 1030. Jubiläum der Taufe der Rus‘-Ukraine durch den Heiligen Apostelgleichen Großfürsten Volodymyr, die Autokephalie schenke.“ Doch leider war es noch nicht so weit.

Warum und aus welchen mutmaßlichen Gründen wurde die Autokephalie doch nicht im Juli verliehen?

Die Erklärungen beschränken sich hauptsächlich darauf, dass das Verfahren kompliziert sei, was auch in der Tat so ist, da in dieser Angelegenheit die Information aller lokalen Kirchen vorausgesetzt wird. Doch am wichtigsten sei jedoch, dass das Verfahren auf den Weg gebracht wurde. Voreilig und mit einer gewissen Naivität verbreitete sich die Information, dass der Text für den Erlass der Autokephalie bereits fertig gestellt wurde. Voreilig, denn seiner formellen Erklärung hätte nichts im Wege gestanden, wenn er tatsächlich fertiggestellt gewesen wäre. Da es aber eine Verzögerung gab, gab es wohl auch Hindernisse für diese Fertigstellung. Unerfüllte Erwartungen im Allgemeinen sind enttäuschend und frustrierend, aber nicht in diesem Fall, da die ukrainischen Gläubigen diesen Wunsch nach der Anerkennung der Autokephalie für eine lokale-orthodoxe Kirche nicht aufgegeben haben und im Gegenteil mit stärkerer Hoffnung weiter daran festhalten. Dies wurde durch die von Staat und Kirche gemeinsam in Kiew am 27. und 28. Juli organisierten Feierlichkeiten bezeugt.

Diese Hoffnungen bekräftigte schließlich auch Patriarch Filaret mit der Worten: „Der Erlass wird noch in diesem Jahr bekannt gegeben“. Dennoch sollte man die Hindernisse dieser Verschiebung genauer betrachten, denn davor gibt es einige Aufgaben zu lösen: es sind rechtliche, administrative, politische und spirituelle.

1.1 Rechtliche Aufgaben

Starke rechtliche Hindernisse sind sowohl auf kirchlicher auch auf staatlicher Ebene präsent.

So merkwürdig es sich anhören mag: Die Hindernisse beruhen aus kirchenrechtlicher Sicht auf unkanonischen Handlungen kanonischer Kirchen. Allein die Tatsache, dass Kiew, das mit der Taufe, bzw. der Christianisierung der Kiewer Rus von vor 1030 Jahren seine kirchliche Geschichte beginnt, immer noch keine offizielle lokale Kirche hat, welche im Diptychon der orthodoxen Kirchen verzeichnet ist, bezeugt dies.

Khreschennja Kiewa

Inzwischen hat sich das Territorium der Kiewer Rus‘ verändert und existiert nicht mehr in seiner ursprünglichen Form. Aber auch Konstantinopel existiert seit 1453 nicht mehr als Imperium. Dennoch wurde der ökumenische Ehrenstatus der Kirche von Konstantinopel als orthodoxe Mutter-Kirche trotz der relativ kleinen Zahl der Gläubigen aufrechterhalten.

Doch warum überlebte nicht der Ehrenstatus der Kiewer Kirche als Mutter-Kirche der heutigen russischen orthodoxen Kirche, der eine historische Tatsache ist angesichts der vielen Millionen ihrer Gläubigen und ihrer Existenz seit dem Jahr 1030 auf dem Territorium der Ukraine? Es wäre wahrscheinlich angebracht, diese Frage Seiner Allheiligkeit, dem Ökumenischen Patriarchen bzw. dem Patriarchat von Konstantinopel, zu stellen.

Ein nicht unbedeutendes Hindernis stellt dabei die Täuschung dar, als ob bereits eine kanonische Ukrainische Kirche in der Ukraine existieren würde, wenn auch in Abhängigkeit zur Russischen orthodoxen Kirche (ROK), diese jedoch nicht wirklich im Hinblick auf die anerkannten orthodoxen Kirchen existiert, weil offiziell nur die ROK in den Diptychen derselben aufgeführt und erwähnt wird.

Um den Status der Unabhängigkeit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK) zu gewähren, ist es notwendig, zuerst die Korrektur von kanonischen Fehlern vorzunehmen, die sich historisch entwickelt haben, damit der Ehren- und Rechtstatus der ursprünglichen Kiewer Metropolie wieder hergestellt wird.

In diesem Fall jedoch würde die UOK in den Diptychen ihren Platz vor der ROK einnehmen müssen, weil die derzeit existierende ROK in der Kiewer Rus‘ ihren Ursprung hat, das heißt, in der heutigen Ukraine. Um zu erreichen, den rechtmäßigen Status für Kiew und damit die UOK wiederherzustellen, benötigt der Ökumenische Patriarch ohne Zweifel viel Mut und Weisheit, um den Widerstand seitens der ROK zu überwinden. Aber auch andere lokale orthodoxe Kirchen benötigen diesen, so wie die Gläubigen der UOK viel Geduld aufwenden müssen, um Recht zu bekommen und endlich wieder ein gleichberechtigter Teil der Gesamtorthodoxie zu werden.

Der Ökumenische Patriarch erklärte wiederholt, dass die Kiewer Metropolie sein kanonisches Territorium sei, auf das die Kirche von Konstantinopel nie verzichtet habe. Versuchen wir daher, diese territoriale Frage unter juristischem Aspekt zu betrachten. Wenn die Kirche von Konstantinopel immer noch den Titel eines schon lange nicht mehr existierenden Imperiums trägt und weiterhin Ansprüche auf ihr historisches Gebiet erhebt, dann hat auch die Kiewer Metropolie gleichermaßen Recht, ihr ursprüngliches kanonisches Territorium zu beanspruchen. Damit sollte auch zumindest der Titel „Metropolie von Kyiv und der ganzen Rus’“ auf dem Gebiet, das zu der Zeit des Kiewer Rus‘ existierte, wiederherstellt werden. Angesichts der 1030jährigen Geschichte des orthodoxen Christentums hat die UOK den Anspruch, den Status des Patriarchats zu erlangen. Soweit die rechtliche Lage, doch manchmal ist leider so, wie man sagt, „Recht haben und Recht bekommen, sind zwei sehr verschiedene Dinge“. Bleibt also einiges zu lösen, denn was ist die Geschichte einer christlichen Kirche wert, wenn sie aus Lügen und Fälschungen besteht?

1.2 Rechtliche Aufgaben auf staatlicher Ebene

Poroschenko-Warfolomij

Die Bemühungen der ukrainischen Regierung und des Parlaments, die Idee einer einzigen lokalen UOK zu unterstützen, um das Volk auch auf religiöser Ebene zu vereinigen mit dem Zweck, sich auf diese Weise vom Einfluss der ROK zu befreien, erscheinen an sich sehr positiv. Allerdings wurde dabei ein wichtiger Punkt übersehen – nämlich, der ukrainische Staat geht von einer rechtlichen Existenz einer „Ukrainischen“ Orthodoxen Kirche aus, die jedoch der ROK untergeordnet ist. Der Kern des Konflikts besteht darin, dass es dadurch in der Ukraine eine „kanonisch-ukrainische orthodoxe Kirche“ gibt, die legal existiert. Auf dieser Basis genießt die UOK Eigentumsrechte bzw. exklusive Nutzung der wichtigsten nationalen, kulturellen und religiösen Denkmale: des Höhlensklosters und der Lavra von Pochaev sowie auch aller nach der Sowjetzeit noch in ihrer Nutzung verbliebenen Kirchen, kirchlichen Immobilien und Grundstücke. Dieses Problem zu lösen, wird nicht einfach sein.

Um diesen Konflikt zu überwinden, müsste der Staat seine „Hausaufgaben erledigen“, vor allem, weil laut der Aussage Präsident Petro Poroschenkos „die UOK, die zu ROK gehört – eine Bedrohung für die nationale Sicherheit darstellt“. Aus dem Grund, da UOK des Moskauer Patriarchates tatsächlich dem „Ersten Bischof“ eines anderen Staates administrativ unterordnet ist, hätte eine solche Kirche kein Recht, den Namen „Ukrainische Orthodoxe Kirche“ zu beanspruchen. In diesem Fall kann nur der Staat oder ein Gerichtsurteil diese Situation einer Klärung zuführen. Ob und in welcher Form hier Rechte und Gesetze verletzt werden, ist die Aufgabe von Juristen herausfinden, und wenn die Gesetze nicht klar sind, dann müssen sie eben verbessert werden, damit alle Menschen in der Ukraine und auch im Ausland unmissverständlich wissen, dass eine Kirche, die sich Ukrainische Orthodoxe Kirche nennt, auch ihren Sitz in der Ukraine hat und keine untergeordnete Zweigstelle irgend einer anderen Orthodoxen Kirche ist – auch und schon gar nicht der russischen, deren Mutterkirche sie ist.

Hoffnungen, dass es auf der Grundlage des Tomos möglich sein wird, die UOK des MP zu zwingen, sich umzubenennen, sind in der Ukraine als einem demokratischen Land sicherlich ein falscher Weg und könnten in der mulitreligiösen Bevölkerung der Ukraine durchaus ein Anlass dafür sein, neue Unruhen und Zwiespalt in der Bevölkerung herbeizuführen. Ein rein kirchliches Dokument kann nicht als Grundlage dazu genutzt werden, gesetzlich bestehende Bürgerrechte in der Ukraine zu ignorieren. Außerdem würde es bedeuten, die Verantwortung für solch zu befürchtende Konfliktsituationen auch dem Ökumenischen Patriarchen anzulasten, der zweifelsfrei das ganze Risiko einzuschätzen weiß.

Folglich besteht hier ein rechtlicher Missstand bezüglich der realen Identifikation der UOK-MP, der eine nicht unerhebliche Rechtsverletzung darstellt, da dadurch Recht auf etwas beansprucht wird, was nicht wirklich rechtens ist, und hierbei geht es nicht allein um den unmissverständlichen Namen der kirchlichen Institution, sondern auch um das rechtswidrig genutzte Gut und Vermögen. Dies kann nur auf staatlicher Ebene gelöst werden.

2. Aufgaben administrativer Art

Es ist bekannt, dass die Kanonizität der Orthodoxen Kirchen zwei Aspekte hat: 1.) basierend auf den Fragen des Glaubens und 2.) hinsichtlich der Verwaltungsstrukturen. Mehr darüber im Artikel: https://ukrainian-church.de/ist-die-ukrainische-orthodoxe-kirche-des-patriarchates-von-kiew-unkanonisch/

Im Hinblick auf Fragen des Glaubens seitens der orthodoxen Welt darf es sowohl hinsichtlich der UAK KP wie auch der „UOAK“ keine Beanstandungen geben, da aus theologischer Sicht sowohl das Glaubensbekenntnis als auch die Sakramente identisch sind. Aber auf administrativer Ebene allerdings beanspruchen derzeit zwei verschiedene Kirchen die Ukraine als ihr eigenes kanonisches Territorium: die ROK, die historisch gesehen als Tochterkirche gilt, wodurch dieser Anspruch unberechtigt erfolgt, und das Patriarchat von Konstantinopel (Ökumenisches Patriarchat), das als Mutterkirche Kiews gilt und dadurch einen berechtigten Anspruch besitzt, der aber bis dato nicht umsetzbar gemacht wurde.

Auch eines der Verwaltungshindernisse für die ganze Orthodoxie im Allgemeinen ist die Tatsache, dass das Ökumenische Patriarchat für die Kirchengemeinden bzw. Gläubigen aller orthodoxen Kirchen zuständig sein sollte, die außerhalb ihres kanonischen Territoriums wohnen bzw. sich im Ausland befinden. Dies leider beachtet keine der kanonischen orthodoxen Kirchen. Jede lokale orthodoxe Kirche betreut und schafft außerhalb ihres kanonischen Territoriums Diözesen und Gemeinden, wodurch der Verwaltungsaspekt der orthodoxen Kanones gravierend missachtet und sowohl die Einheit als auch der Frieden unter den lokalen Orthodoxen Kirchen verletzt wird.

Im Falle einer Bereitstellung des Tomos sollten darum alle ausländischen Gemeinden auch der Ukrainischen Kirche automatisch unter die Zuständigkeit des Ökumenischen Patriarchen mit Sitz in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, gestellt werden. Ob dies jedoch von den unterschiedlichen Ethnien akzeptiert werden wird, ist fraglich. Die Erfüllung dieser Regel allerdings wäre administrativ notwendig und sicherlich nur dann durchzusetzen, wenn alle lokalen Orthodoxen Kirchen bereit wären, sich daran zu halten.

Das Anerkennungsverfahren für die Verleihung der Autokephalie wurde in Gang gesetzt. Das wiederum bedeutet: es gibt viel zu tun. Der Status der Unabhängigkeit wird einer Kirche früher oder später in Form einer Erzdiözese, Metropolie oder eines Patriarchates verliehen und davon hängt dann auch der Rang an, welcher der zugedachten Kirche in den für alle Orthodoxen Kirchen gültigen Diptychen eingeräumt wird. Für die Ukrainische Orthodoxe Kirche kann rechtlich nur der Status eines „Patriarchates“ in Frage kommen. „Erzdiözese“ wäre falsch, da sie nicht dem Ausmaß der Ukraine entspricht, auch in diesem Fall müssten alle Metropoliten und Erzbischöfe, die jetzt in der Ukraine vorhanden sind, auf den niedrigeren Grad der Bischöfe reduziert werden, mit einer Ausnahme, der eines „regierenden“ Erzbischofs. „Metropolie“ ist auch keine Option, da es diese schon seit 1030 Jahren gibt und die Tochterkirche der Kiewer Kirche – ROK – bereits den Status eines Patriarchats besessen hat, wodurch der Anspruch der Ukrainischen Orthodoxie auf Anerkennung als Patriarchat umso mehr auch kirchenrechtlich begründet erscheinen dürfte.

3. Politische Aufgaben

Ukrainische Kirche

Trotz der Tatsache, dass die Kirche vom Staat in ihrer Verwaltung getrennt ist, ist sie ein Teil des Staates, das heißt, jeder Gläubige ist zugleich auch ein Bürger des Staates, und je größer die Kirche ist, desto größer ist auch der wechselseitige Einfluss. Und da die orthodoxe Kirche die christlichen Werte repräsentiert wie: Geduld, Demut, Liebe – sogar gegenüber den Feinden –, leistet sie grundsätzlich in jedem Staat auch ihren moralischen und spirituellen Beitrag. Aus politischer Perspektive betrachtet hat Russland natürlich grundlegende Interessen an der Ukraine, wie dies im Osten des Landes und vornehmlich auch mit der Annexion der ukrainischen Krim deutlich zutage getreten ist. Aber auch die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei wären zu beachten. Die Türkei als Nachfolgestaat des ehemaligen byzantinischen Reiches mit seiner Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, ist bis dato auch Sitz des Ökumenischen Patriarchates, von dem die Unabhängigkeitserklärung der Ukrainischen Orthodoxen Kirche in Form des erwarteten Tomos ihren Ausgang haben wird. Auf diese Weise aber beeinflussen die Beziehungen zwischen Kirche und Staat leider auch jede lokale Orthodoxe Kirche – sowohl positiv, wie auch negativ.

Wie diese Hindernisse zu überwinden? – Politische Hindernisse können nur durch diplomatische Wege überwunden werden, doch dafür sollten als erstes gibt es noch die spirituellen Aufgaben zu lösen.

4. Spirituelle Aufgaben, was wird damit gemeint?

1030 Jahre Patriarch Ukrainische Kirche

Sie bestehen darin, dass die Spiritualität innerhalb so mancher Kirche, also ihr geistlicher Zustand, heutzutage leider sehr oft eher den irdischen/materiellen Bedürfnissen untergeordnet ist. Der „dunkle Geist“ greift auch die Kirchen von innen an und zerstört den Frieden. Neben vielen anderen Problemen wie zum Beispiel einer übertriebenen Nationalisierung der Ortskirchen ist eine spürbare Begierde nach der Macht über Völker und Territorien festzustellen. Aber wenn die Spiritualität in der Kirche Christi intern geschwächt ist, wird sie außerhalb des kirchlichen Lebens umso weniger zu finden sein. Auf dieser Grundlage müssen wir besonders wachsam bleiben, um unsere kirchliche Gemeinschaft zu schützen, egal welche Kräfte versuchen, auf uns einzuwirken, um uns auseinander zu dividieren, wie bereits der Hl. Apostel den Römern geschrieben hat: „Wer wird uns von der Liebe Christi trennen? Trübsal oder Angst, oder Verfolgung, oder Hunger, oder Blöße, oder Gefahr, oder Schwert? … Weder Hohes noch Tiefes, noch eine andere Kreatur kann uns scheiden von der Liebe Gottes in Christus Jesus, unserem Herrn!“ (Röm 8,35-39)

Und in Bezug auf die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Patriarchat oder einem Bischof sagen die Heiligen Apostel: „Denn wenn jemand sagt: Ich gehöre dem Paulus und der andere: Ich dem Apollos, seid ihr dadurch nicht wie nur ein Fleisch?“ (1. Kor 3,4)

Administrative kirchliche Regeln müssen also einen sekundären Charakter tragen. Und in Fragen der Anerkennung der Verfügung über die Territorien sollte nicht vergessen werden, wer der Gründer und das Oberhaupt unserer Heiligen Katholischen und Apostolischen Kirche ist: der Herr Jesus Christus selbst. Selbst die nicht-orthodoxen Christen, die sich nicht in eucharistischer Einheit mit uns befinden, folgen dem Herrn, der uns die folgenden Gebote hinterließ: „Zu diesem Zeitpunkt sagte Johannes: Meister! Wir sahen einen Mann, der nicht mit uns wandelt, der in Deinem Namen Dämonen vertreibt; und wir haben es ihm verboten, weil er nicht mit uns geht. Jesus aber sprach: verbietet es ihm nicht, denn es gibt keinen, der solche Wunder in meinem Namen tut und mir dabei Böse wäre. Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.» (Mk 9,38-40)

Daran besteht auch der Sinn der Einheit in Christus durch die Anerkennung Jesu Christi als den Sohn Gottes: „Ich sage Euch: jeder, der mich vor den Menschen bekennt, den erkennt auch der Sohn vor den Engeln Gottes.» (Lk 12,8)

Die Tatsache, dass bis heute die Orthodoxie, aus welchen Gründen auch immer: politischen, administrativen und rein irdische Aspekten, die Millionen von ukrainischen orthodoxen Christen als Gleichberechtigte in Christus nicht anerkennen will, bezeugt den katastrophalen Zustand der Spiritualität in der Welt im Allgemeinen. Denn wie kann das sein, dass eine kleine Gruppe orthodoxer Christen in der heutigen Türkei, genannt Orthodoxe Kirche von Konstantinopel mit ein paar tausend Mitgliedern, sich weigert, Millionen von orthodoxen Christen mit einer 1000jährigen Geschichte und sogar gleicher liturgischer Tradition als gleiche Mitbrüder im Christus zu akzeptieren. Und das ist nicht die einzige Frage, über die man staunen kann.

Angenommen, die UOK wird bald anerkannt und erhält den Platz in der Orthodoxie, den sie eigentlich und rechtlich seit 1030 Jahren innehat. Administrativ wird sie unabhängig werden, doch kirchenpolitisch wird sie gleichzeitig von allen anderen lokalen Kirchen abhängig und kommt mit ihnen in eine formelle eucharistische Einheit, einschließlich mit der Kirche, von der sie unabhängig sein wollte, also der ROK, jener Kirche, die heute das «Land des Angreifers» unterstützt. Bedeutet diese Autokephalie wirklich die Unabhängigkeit, und würde diese formelle Anerkennung den Ukrainern wirklich etwas bringen? – Diese Frage kann beantwortet werden, wenn die wichtigsten Hindernisse beseitigt werden, in erster Linie spirituelle, dann rechtliche und zum Schluss administrative, sonst hat die Antwort wenig Chancen auf ein positives Ergebnis.

Man darf nicht vergessen, dass die Taufe der Kiewer Rus eine historische Tatsache ist, die nicht entkräftet werden kann. Das ist wie die Taufe einer Person, die niemals Gültigkeit verlieren kann. Das ukrainische Volk war schon über 1030 Jahre orthodox, und es bedeutet: diese Kirche existierte bis heute, sie gibt es wirklich, es bedeutet auch: keine Anerkennung wäre nötig, da es eine Tatsache ist, alles andere sieht leider nach einem politischen Machtspiel aus. Die Ukraine, die eine Kirchengemeinschaft mit mehreren Millionen Mitgliedern hat, hängt nicht wirklich von der Anerkennung anderer lokaler Kirchen ab, die leider mehr auf territorialen Ansprüchen gebaut werden, als auf geistigen Grundsätzen, um das unmittelbare Ziel der Kirche Christi zu erreichen: die Vereinigung mit Gott. In der Ukraine ist das Christentum real und zahlreich, deshalb gibt es etwas, auf das man stolz sein kann.

Fazit

Der Erlass (Tomos) über die Autokephalie bzw. die administrative Unabhängigkeit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche wird ohne Zweifel in absehbarer Zeit gegeben werden. Aber wichtig ist: Um welchen Preis und welche Folgen für die Spiritualität der Gläubigen, wie auch für den Staat im Allgemeinen? Die Lage in der Ukraine wird aktuell von der Weltgemeinschaft ziemlich genau unter die Lupe genommen, besonderes für die christliche Einheit werden die Ereignisse relevant. Es entstehen gute Hoffnungen ebenso wie Beunruhigungen, wie zum Beispiel das Ultimatums seitens der ROK, in Folge dessen die Orthodoxie zu spalten bzw. mit einem Schisma zu drohen, sollte die Ukraine die Autokephalie erhalten. Aber kann ein solcher Konflikt vermieden werden? Zweifellos ist es möglich, wenn auch nicht einfach.

Was die konkreten Schritte für die Ukraine und die ganze Orthodoxie betrifft, wäre es zunächst notwendig, für den internen juristischen Konflikt mit der falscher Identifikation der UOK in der Ukraine Lösung zu finden. Danach den Dialog mit dem Ökumenischen Patriarchen fortzusetzen, aber auf der rechtlichen Basis als eine Kirche, die Nachfolgerin der Kiewer Metropolie ist und das Gebiet der ganzen Kiewer Rus‘ beanspruchen kann. Dies ist eine Chance für einen Kompromiss, den historischen Fehler zu korrigieren. D.h. dies wäre ein Basis für einen Deal, dass die UOK als Nachfolgerin der Kiewer Kirche, als Mutter-Kirche die Anerkennung der Autokephalie heutigen ROK schenkt, die sich von Kiew historisch eigenmächtig abgelöst hat und deswegen sogar über 140 Jahre deswegen nicht anerkannt war. Die ROK ihrerseits schenkt ebenfalls die Anerkennung und Wiederherstellung des Ehrenstatus der UOK als Mutter-Kirche für die ganze Rus. Nur ein derartiger juristischer Wortlaut in dem Erlass über die Autokephalie wird der ukrainischen Orthodoxie wirkliche brüderliche Freiheit geben.

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brüderliche Freiheit geben.

Unter der Bedingung einer Vereinigung um den einen und gleichen Gott und im Gebet, wenn man das tausendjährige spirituelles Erbe begreift, das in Kiew dank dem Großfürsten Wladimir ihren Ursprung hat und sogar noch 1.000 Jahre früher – durch den Apostel Andriy begründet wurde – wird die ukrainische Kirche alle diese Hindernisse überwinden und kann das Recht auf einen gleichberechtigten Platz neben anderen orthodoxen Kirchen zurück erobern. Dabei sollte man immer daran denken, dass die Zugehörigkeit zu der „einen Heiligen Katholischen und Apostolischen Kirche“ durch den Aspekt des Glaubens und nicht durch die administrative / territoriale Regeln bestimmt wird.

Erzpreister VolodymyrChayka, im Juli 2018

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